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Feministinnen fordern: PID-Rechtsverordnung nicht verabschieden!

Als Feministinnen und Eugenik-KritikerInnen wenden wir uns prinzipiell dagegen, zwischen lebenswert und nicht lebenswert zu unterscheiden – auch in der Petrischale. Deshalb sind wir gegen die Zulassung des Verfahrens der PID. Für uns ist diese Kritik an Selektion vereinbar mit dem Recht von Frauen auf Selbstbestimmung und mit dem Recht auf Abtreibung.

Kommt zur Kundgebung !

Wann: Freitag, den 1. Februar 2013, 9.00 – 11 Uhr

Wo: vor dem Bundesrat in der Leipziger Straße 3-4

(U/S-Bahn: Potsdamer Platz – U2, S1, S2, S25)

Berlin, 31.1.2013. – Das Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) konnte im Bundestag 2011 keine Mehrheit finden. Die ParlamentarierInnen votierten für eine beschränkte und bioethisch geprüfte Zulassung der PID.

Bundesgesundheitsminister Bahr hat eine Rechtsverordnung zur Umsetzung dieses Gesetzes vorgelegt, die heute im Bundesrat verabschiedet werden soll. Das Bundesgesundheitsministerium ignoriert mit dieser Verordnung den im Bundestag nach langen Debatten gefundenen Konsens, nach dem die PID nur in begründeten Einzelfällen ausnahmsweise erlaubt werden soll. Stattdessen interpretieren die AutorInnen der Rechtsverordnung das Gesetz marktliberal und werden damit vor allem der Lobby der Reproduktionskliniken und deren Geschäftsinteressen gerecht. Denn die Rechtsverordnung sieht weder eine Begrenzung der Zahl der PID-Zentren vor, noch eine unabhängige und einheitliche ethische Prüfung der beantragten Fälle.

Voraussehbar ist, dass eine Konkurrenzsituation zwischen den privat wirtschaftenden PID-Zentren entstehen wird. Angesichts der extrem schwammigen Formulierung im Gesetz, die PID bei dem „hohen Risiko einer schwerwiegenden Erbkrankheit“ erlaubt, ist davon auszugehen, dass das Verfahren bald – wie in anderen Ländern bereits üblich – zur normalen reproduktionsmedizinischen Angebotspalette gehören wird.

Wir protestieren deswegen gegen die Rechtsverordnung und fordern die ParlamentarierInnen dazu auf, sie nicht zu unterzeichnen.

Auch ein starker Zentralstaat und zentralisierte Bioethik-Institutionen sind für uns allerdings keine Alternative. Als Feministinnen und Eugenik-KritikerInnen wenden wir uns prinzipiell dagegen, zwischen lebenswert und nicht lebenswert zu unterscheiden – auch in der Petrischale. Deshalb sind wir gegen die Zulassung des Verfahrens der PID. Für uns ist diese Kritik an Selektion durchaus vereinbar mit dem Recht von Frauen auf Selbstbestimmung und mit dem Recht auf Abtreibung.

Unsere Argumente haben wir schon auf vielen Veranstaltungen und Kundgebungen der letzten Jahre vorgebracht. Hier die Stellungnahme des Gen-ethischen Netzwerkes in Auszügen, der wir uns anschließen:

Auszüge aus Stellungnahme des Gen-ethischen Netzwerkes zu Präimplantationsdiagnostik (PID)

(…)

PID bedeutet Diskriminierung von Behinderten und Kranken

PID basiert auf der gezielten Unterscheidung von „wertem“ und „unwertem“ Leben. Als solche ist sie nicht neutral, sondern bedeutet für Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten eine indirekte Infragestellung ihrer „Existenzberechtigung“. Dies gilt besonders für diejenigen Krankheiten, die mit der PID ausgeschlossen werden sollen. Eine Liste, die einige Krankheiten als „besonders schwerwiegend“ klassifiziert, wie sie von einigen BefürworterInnen im Zusammenhang mit einer eingeschränkten Zulassung der PID favorisiert wird, ist abzulehnen. Sie kann niemals die Variationsbreite in der individuellen Ausprägung und Erfahrung mit der Krankheit oder Behinderung berücksichtigen. Es ist außerdem zu befürchten, dass die PID dazu beiträgt, dass sich die Forschungsanstrengungen zur Linderung oder Therapie der gelisteten Krankheiten verringern und somit die Lebenssituation von Betroffenen verschlechtert. Damit widerspricht eine Zulassung der PID nicht nur der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, sondern auch dem Diskriminierungsverbot in Art. 2 Abs. 3 des Grundgesetzes. Bereits mit der Streichung der eugenischen Indikation hat der Gesetzgeber festgestellt, dass die Krankheit oder Behinderung des Embryos kein rechtmäßiger Grund für einen Schwangerschaftsabbruch ist. Diese Haltung ist nun mit einem Verbot der PID zu bekräftigen.

Die PID ist mit einem späten Schwangerschaftsabbruch nicht gleichzusetzen

(…) in der öffentlichen Diskussion wird irreführenderweise immer wieder eine Parallele zwischen Pränataldiagnostik (PND) und PID gezogen. Dabei wird von einem „Wertungswiderspruch“ gesprochen, weil ein später Schwangerschaftsabbruch nach PND erlaubt, eine Auswahl von Embryonen durch die PID im Labor aber verboten sei. Dabei wird ausgeblendet, dass das einzige Kriterium für einen Schwangerschaftsabbruch nach PND die körperliche oder seelische Gesundheit der Frau, und eben gerade nicht – wie bei der PID – die Krankheit oder Behinderung des Fötus ist. Auch ist es falsch, dass die PID Frauen und Ärzten das ethische Dilemma eines späten Schwangerschaftsabbruchs nach PND ersparen könne. PID kann keine gesunden Kinder garantieren.

Beunruhigend ist, dass die Pränataldiagnostik in den letzten Jahren auf immer mehr Indikationen ausgeweitet wurde. Ihre Wirkung als immer engmaschigere Selektionstechnologie hat Diskussionen über ihre ethische Vertretbarkeit hervorgerufen. Schwangerschaft ist für viele Frauen zu einem Zustand „auf Probe“ geworden. Gerade die Erfahrungen mit der PND zeigen folglich, dass eine enge Begrenzung selektiver Diagnostik nicht durchzuhalten ist.

Die schleichende Ausweitung pränataldiagnostischer Untersuchungen in der Schwangerschaft wird mit dem Vorsorgeprinzip und dem Freiheits- und Selbstbestimmungsrecht der Frauen gerechtfertigt. In dieser Logik soll einer Benachteiligung von Frauen mit einem Kind mit Behinderung durch die Verhinderung des Kindes „vorgesorgt“ werden, statt Unterstützung durch die Gesellschaft bereitzustellen. Selektion ist keine Prävention -und PID schafft einen neuen Bedarf nach Selektion.

Diese Tendenz ist bereits bei der Anwendung der In-vitro-Fertilisation (IVF) zu beobachten. Ursprünglich als Technologie zur künstlichen Befruchtung bei unfruchtbaren Ehepaaren eingeführt, belegen die Zahlen aus Ländern, in denen die PID zugelassen ist, dass die IVF inzwischen überwiegend nicht von unfruchtbaren Paaren genutzt wird, sondern zur Durchführung einer PID (Dr. Luca Gianaroli, Präsident der ESHRE vor dem Deutschen Ethikrat).

Automatismus der Ausweitung und neue Begehrlichkeiten

Die genetische Diagnostik ist in den letzten Jahren auf immer mehr Indikationen ausgeweitet worden. In Ländern, in denen die PID zugelassen ist, stellte sich stets die Frage, ob neue Tests angewendet werden sollen. Dabei geht es gar nicht in erster Linie darum, den Wunsch nach „Designerbabies“ abzuwehren (ein Argument, das BefürworterInnen gerne KritikerInnen unterschieben, um es dann zu entkräftigen). Viel schwieriger, ja geradezu unmöglich erweist sich in der Praxis die Unterscheidung zwischen „letalen“, „schwerwiegenden“ und „weniger schwerwiegenden“ Krankheiten.

Für die Durchführung einer PID müssen mehr Embryonen erzeugt werden, als für eine künstliche Befruchtung ohne PID. Nach der Diagnostik sollen nur solche Embryonen in die Gebärmutter einer Frau übertragen werden, die keine nachweisbaren genetischen Erkrankungen aufweisen. Gibt es mehrere für „gesund“ befundene Embryonen, muss nach weiteren Kriterien ausgewählt werden.

Dadurch entsteht das Problem, wie mit „übrig gebliebenen“ Embryonen umgegangen wird. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass neue ethische Konflikte entstehen, wenn auf diese Embryonen als „Rohstoff“ zum Beispiel für Forschung zugegriffen wird. Unter anderem ist zu befürchten, dass diese weiteren „Verwertungsmöglichkeiten“ Entscheidungen im Rahmen der PID, zum Beispiel über die Zahl der hergestellten Embryonen, beeinflussen.

Die Argumente sind nicht überholt

Vor dem Hintergrund, dass die prinzipiellen ethischen und politischen Argumente gegen eine Zulassung der PID weiterhin Bestand haben, ist es aus unserer Sicht unverständlich, dass gleich mehrere politische Akteure und Organisationen ihre bislang ablehnende Haltung geändert haben. (…) Die technische Entwicklung der letzten Jahre ändert nichts daran, dass die Ziele der PID und ihre Implikationen — die Unterscheidung von lebenswert und lebensunwert – abzulehnen sind. Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit sollten aber mittels öffentlicher Debatten über angemessene Lebensbedingungen und nicht im Labor entschieden werden.

Weitere Informationen und Stellungnahmen zur PID und der Debatte darum unter:

und:

GID Nr. 211, April 2012, Schwerpunkt: Der getestete Embryo

Zu bestellen bei: gen@gen-ethisches-netzwerk.de

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Reclaim Anger

Wut ist visionär – Feministische Gefühle und Gedanken zur internationalen Frauenkampf-Woche 2012

Beitrag von Franziska im Rahmen des QueerFeministischen Stadtspaziergangs am 09. März 2012 in Berlin/Kreuzberg.

Zum 101. Frauentag die Frage: Wie können wir unsere unterschiedlichen feministischen Kämpfe weiterführen, ohne frustriert, ohne hoffnungslos und erschöpft zu werden angesichts der sich nur langsam verändernden Verhältnisse? Wie bringen wir immer und immer wieder aufs Neue die Energie auf, in die bestehenden Verhältnisse einzugreifen, sie unermüdlich zu kritisieren und dabei nicht zu verzweifeln?
Sicher gibt es kein feministisches Rezept. Aber vielleicht lohnt es sich zu fragen: was treibt uns an? Es gibt ja bekanntlich nicht DEN Feminismus. Wir alle können vielen verschiedenen Traditionen und Positionen etwas abgewinnen. Auch die Erfahrungen, die wir gemacht haben und machen sind verschieden.
Die Sklavin Sojourner Truth fragte schon 1852: „Bin ich denn keine Frau“? Sie verwies mit dieser Frage auf den Umstand, dass ihre Position als Schwarze Frau von der dominanten Weissen Frauenbewegung ausgeblendet wurde. Auch für Arbeiterinnen, Lesben oder Trans* Personen trafen viele Forderungen von bürgerlichen Frauen nicht zu. Oder wie Leong Pandora (2002) es exemplarisch formuliert: „Ein Feminismus, der einzig durch die Gender-Brille sieht, taugt nicht dazu, die unter uns zu befreien, die braune Haut haben oder die unter uns, die arm sind“.
Mit der Zeit wurde klar, dass wir uns nicht auf ein einheitliches feministisches Subjekt beziehen sollten, dass DIE FRAUEN keine einheitliche Kategorie darstellen.
Aber auf welche Weise können wir dennoch solidarische Verbindungen eingehen? Was teilen wir, wenn wir von einer feministischen Perspektive auf die Welt sprechen? Kann es dennoch eine Art gemeinsamen Nenner geben? Viele Feminist_innen haben darüber nachgedacht, queere und postkoloniale Herangehensweisen bspw. plädieren für offene, situative Bündnispolitiken.
Sarah Ahmed hat sich mit „feministischen Gefühlen“ auseinandergesetzt, in „The Cultural Politics of Emotion“ (2004) schreibt sie: Eine der treibenden Kräfte feministischer Kämpfe ist Wut. Wut über die Unterdrückung von Frauen bzw. von weiblich identifizierten Personen. Aber noch vor dem Gefühl der Wut stehen Erfahrungen des Schmerzes und der Verletzung. Ahmed rät, Schmerz nicht zu fetischisieren, nicht zum Fundament von Feminismus zu machen. Denn es bestehe die Gefahr, dass Verletzungen dadurch von ihrer komplexen Geschichte abgetrennt, individualisiert und „therapeutisiert“ würden. Verletzungen und Schmerzen dürfen zwar keinesfalls vergessen werden, sie sollten jedoch nicht als Identität, sondern als eine historische und strukturelle Markierung konzipiert werden. Es geht darum, Schmerz in einen öffentlichen Raum zu tragen – hinaus aus dem privaten, therapeutischen Raum- oder wie Ahmed es nennt: „Moving the pain into a public domain“.
Mehr noch als um Schmerz geht es Ahmed um die Wut: Wut ist das unbedingte Gefühl, dass der Schmerz und die Verletzungen falsch und ungerecht sind, und dass etwas dagegen unternommen werden muss. Auch andere Feminist_innen haben sich mit der Rolle der Wut auseinandergesetzt, zum Beispiel Audre Lorde, die Wut im Sinne von „gegen etwas sein“ definiert und ihren aktiven Charakter beschreibt: „Anger is loaded with information and energy„ (Lorde 1984). Aber gegen etwas sein heisst auch, für etwas zu sein. Für etwas, das noch auszuformulieren sein wird, etwas, das noch nicht da ist. Wut ist – so Lorde – visionär.
Verschiedene Feminist_innen haben die Dinge, gegen die sie sind, unterschiedlich benannt. Es geht nicht darum, ein gemeinsames Wutobjekt zu definieren, da das Objekt sich immer wieder anders darstellt. Feminismus ist nicht nur eine Kritik des Patriarchats, und stützt sich nicht auf Kategorien wie „Frauen“ oder „Geschlecht“. Es geht also um den Verlust eines klar konturierten Objekts, das bedeutet keineswegs ein Scheitern des Feminismus, sondern ist vielmehr ein Zeichen für seine Möglichkeit, sich zu BEWEGEN.
Aber was ist feministische Wut? Es darf nicht vergessen werden, dass wir als „Wütende“, dass Feminismus in Form von Wut auch stark diffamiert wurde und wird – Wut wird als das Gegenteil von rational, vernünftig angesehen. Wut wird als rein negative Kraft angesehen- die gegenwärtige gesellschaftliche Gefühls-Kultur ist besessen von Ideologien wie „positives Denken“, oder – wie Lauren Berlant es nennt: einem verzweifelten und grausamen Imperativ des Optimismus. Wut steht gemeinhin für eine negative Kraft, die „nur“ von persönlichen Verletzungen angetrieben wird, und die deshalb als irrational gilt.
Historisch gesehen ist also die Einordnung von Feminismus als eine Form von Wut durchaus problematisch, weil genau diese Einschätzung es immer wieder möglich gemacht hat, feministische Forderungen als irrational abzuweisen – selbst wenn die Wut eine absolut begründete und vernünftige Antwort auf Ungerechtigkeit war/ist.
Ich denke deshalb: Wir sollten uns NICHT auf Diskussionen einlassen, bei denen wir verteidigen, dass Feminismus vernünftig sei. Vielmehr sollten wir argumentieren, dass Wut vernünftig ist! Anders gesagt: Wir sollten die Unterscheidung von Vernunft und Wut, von politischer Räson und Emotionalität boykottieren. Es ist genau diese Unterscheidung, die ein System aufrecht erhält, in dem „Frauen“ als emotional abgewertet werden, und Vernunft als männliche Eigenschaft den unhinterfragten Platz einer universellen und allgemeinen Perspektive einnimmt, während alles andere als „Spezialfall“, als Partikularfall, als „die Genderbrille“, die „Feminismus- oder Rassismusbrille“ abgewertet werden kann. Feminismus ist kein Spezialthema, kein Frauenthema….Ein Kampfruf könnte also sein: Reclaim Anger! Oder auch „get angry!“ Wut ist kein emotionales Gedöns von diskriminierten Sondergruppen, sondern sie ist vernünftig und betrifft das System! Wut steht nicht im Gegensatz zu Vernunft, nicht im Gegensatz zum Allgemeinen, sie repräsentiert keine Partikularinteressen, sondern ist gerade Ausdruck eines ungerechten Allgemeinen!
Wie können wir erreichen, dass unsere Wut verstanden und gehört wird? Es ist unverzichtbar, öffentliche Statements zu machen, sich Gehör und Sichtbarkeit zu verschaffen, Texte zu schreiben, zu handeln. Wir müssen weiter machen, selbst wenn vieles nicht aufgenommen wird, nicht anzukommen scheint!
Dabei muss immer auch klar sein, dass wir alle jeweils auch Positionen haben, in der wir diejenigen sind, die Wut von anderen blockieren, nicht hören. Es geht also auch darum, die Wut von anderen zu hören, ihre Wut nicht zu blockieren, indem die eigene Position verteidigt wird! Es ist mit Sicherheit eine der verletzendsten rassistischen oder sexistischen Strategien, wenn die Reaktion auf Wut eine Verteidigung der eigenen Position ist. Eine solche Abwehr von Wut heisst nämlich sich zu weigern, die eigene Position als eine für andere verletzende, kritisierbare oder ärgerliche zu begreifen. Aber wir MÜSSEN akzeptieren, dass die eigene Position andere wütend machen kann, und das bedeutet, dass wir die eigene Position als eine begreifen müssen, die von anderen kritisiert werden kann.
Wir sollten versuchen, keine feministischen Ideale zu installieren, die alle verkörpern müssen, um am Feminismus teilhaben zu dürfen. Um eine solche Politik zu vermeiden müssen wir innerhalb des Feminismus ein andauerndes Unbehagen spüren oder wie Ahmed schreibt: „We need to stay uncomfortable within feminism“.
Und zuletzt: Natürlich hat Feminismus nicht nur mit Wut oder Verletzung zu tun. Ahmed schreibt: „Mein eigenes emotionales Verhältnis zum Feminismus beinhaltet auch Freude“. Es geht um Aufmerksamkeit für die Welt, eine Aufmerksamkeit für Details. Ahmed spricht von „Wonder“, also von dem Gefühl der Neugierde und der Verwunderung. Was sie mit Feminismus als Verwunderung meint ist die Möglichkeit zu erkennen, dass die Welt GEMACHT ist. Die Gemachtheit oder Gewordenheit der Welt ist vermutlich eine der radikalsten und entscheidenden Erkenntnisse die es braucht, um zu der Vorstellung zu gelangen, dass die Welt auch ANDERS sein könnte!

Lesben in den 1920ern. Beitrag von Lisa am queerfeministischen Stadtspaziergang

Im Folgenden habe ich ungefähr das verschriftlicht, was ich beim queerfeministischen Stadtspaziergang (Kreuzberg revisited) erzählt habe. Zusätzlich habe ich meine Quellen angegeben, sodass ihr selbst weiter recherchieren könnt. Viel Spaß dabei!
Lisa

Kreuzbergspaziergang: Lesben in den 20er Jahren

1. Einleitung
Nun stehen wir hier vor dem Ballhaus Naunynstraße, in dem sich heute ein Theater befindet. Es wurde im 19. Jahrhundert gebaut, als Ballhaus für Bürger_innen, was zum damaligen Zeitpunkt etwas ganz neues war.
Wir haben uns diese Station ausgesucht, um die Gelegenheit zu nutzen, das Theaterprojekt hier kennen zu lernen und, weil ich euch etwas über Lesben in den 1920er Jahren erzählen will.
Nach dem Tanzverbot während des 1. Weltkriegs, war Tanzen in den 20er Jahren von zentraler Bedeutung.
Ballhäuser waren in den 20er Jahren auch für Lesben wichtige Orte, um sich zu treffen, zu amüsieren, zu flirten. Aber es waren nicht die einzigen Orte. Aus heutiger Sicht ist es schier unglaublich, wie viele lesbische Clubs, Bars, Cafés und Veranstaltungen es in Berlin damals gab: Es gab Damenbälle, Damentanztees, Mondscheindampferfahrten (1), Kabaretts, Wandergruppen, Vorträge, Diskussionsabende usw.
Häufig wurden Lokale für Veranstaltungen angemietet, einige Treffpunkte waren auch eher privat, aber es gab auch ca. 30 feste, angemeldete Lesbenlokale in Berlin (2).
[s. Bild]
Woher wir das wissen: Es gibt ein Buch aus dieser Zeit: „Berlins lesbische Frauen“ (1928) von Ruth Roellig (3), das von Orten und Personen berichtet. [s. Bild]

Außerdem gab es in dieser Zeit in Berlin auch 6 Lesbenzeitschriften (4), die darüber berichten und solche Veranstaltungen ankündigen. Die Titel:
• Die Freundin
• Ledige Frauen
• Frauenliebe
• Frauen, Liebe und Leben
• Garçonne
• BIF (Blätter Idealer Frauenfreundschaft) [s. Titelbilder]

Die Zensur in der Weimarer Republik war vergleichsweise gering, aber es gab einen § 184, mit dem „unzüchtige“ Schriften bekämpft wurden. (5) Immer wieder wurden Zeitschriften verboten und änderten dann ihren Namen. Ab 1933 waren alle Lesbenzeitschriften als „entartet“ verboten und viele Ausgaben wurden vernichtet, daher ist es umso bedeutsamer, dass es im Spinnboden Lesbenarchiv von der Zeitschrift „liebende Frauen“ alle Exemplare gibt und eingesehen werden kann (6). Ich habe hier ein groß kopiertes Exemplar mitgebracht. [Zeitschrift zeigen]

Was also Thema dieser Station sein soll, ist das Erinnern an die Lesben der 1920er Jahre, die eine riesige Lesbenkultur hervorgebracht haben, die jedoch mit dem Nationalsozialismus fast komplett zerstört und verdrängt wurde. Als Lesbe möchte ich mich heute mit euch daran erinnern.

2. Wie kommt es eigentlich, dass hier in den 20ern so viele Lesben waren?

Es gibt mehrere Gründe, weshalb Lesben in den 1920er Jahren so sichtbar und präsent waren (7). Ein Grund kann in der sog. Landflucht gesehen werden: Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation sind sehr viele junge Frauen vom Land in die Großstädte gezogen, um hier Geld zu verdienen. Sie fanden sich in einer ungewöhnlich eigenständigen Situation wider. Häufig wohnten sie zusammen und orientierten sich an anderen jungen Frauen. Nicht alle wurden lesbisch, aber viele.
Ein weiterer Grund kann in der Bedeutung der Homosexuellenbewegung gesehen werden, die in den 1920er Jahren sehr stark wurde. Zwar befasst sie sich hauptsächlich mit männlicher Homosexualität, aber nicht nur. Bedeutsam war in diesem Zusammenhang der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der 1919 hier in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft gründete.
Insgesamt waren die 1920er Jahre eine Zeit, in der gesellschaftliche Strukturen teilweise ins Wanken kamen und sich Freiräume boten. Alles vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Not und Armut.

3. Berühmte lesbische Frauen in den 1920er Jahren
Einige Namen lesbischer und bisexueller Frauen der 20er Jahre sind euch vielleicht schon bekannt, so z.B.
• Claire Waldoff (Sängerin, Kabarettistin und Künstlerin, 1883-1957)
• Charlotte Wolff (Sexualwissenschaftlerin, erste Veröffentlichungen zu weiblicher Homosexualität, 1897-1986)
• Christa Winsloe (Autorin von „Mädchen in Uniform“, 1888-1944)
• Anna Elisabet Weirauch (Autorin von „der Skorpion“, dem ersten Lesbenroman in Deutschland, 1887-1970)
• Marlene Dietrich (1901-1992), Erika Mann (1905-1969), Anita Berber (berühmte Nackttänzerin, 1899-1928) usw.

4. Lotte Hahm
Ich möchte heute kurz von Lotte Hahm (1890-1967) erzählen, die ebenfalls eine wichtige Lesbe in Berlin war [s. Bilder]:
− Sie war die Leiterin der Damenclubs „Violetta“ und „Monbijou“, bei denen ca. 600 Frauen eingetragen waren. (8)
− Sie betrieb zusammen mit Kati Reinhardt die Lesbenbars „Monokel Diele“ und Manuela Bar“ (Nähe Spittelmarkt). (9)
− Lotte Hahm gründete zudem den Transvestiten-Club d’Eon, der offen für alle Geschlechter war und sich zwischen einmal pro Woche bei ihr offen traf. (10)
− Außerdem bot sie eine Art Vermittlungsdienst für Frauen außerhalb Berlins an. In einer Zeitschrift wird berichtet, dass sich nach so einer Aktion dann auch ein Club in Hamburg gründete, dem dann 100 Damen angehörten (11)
− Lotte Hahm wurde 1933 verhaftet, da der Vater ihrer Freundin sie wegen Verführung Minderjähriger angezeigt hatte. Nach zwei Jahren im Gefängnis war sie von 1935 bis 1938 im Konzentrationslager Moringen. (12)
− Nach 1945 öffnete sie wieder mit Kati Reinhardt erst in Ost-Berlin ein Lesben-Lokal und zog später um ins Max und Moritz in der Oranienstraße, das bis in die 60er Jahre ein Lesbenlokal blieb. (13)
− 1967 starb Lotte Hahm. (14)

5. Das Lila Lied
Zum Abschluss spiele ich euch nun das „Lila Lied“ vor, das als das Homosexuellen-Lied der damaligen Zeit gilt. Es war sowohl bei Frauen als auch bei Männern sehr beliebt. (15)
Wenn ihr wollt, könnt ihr gerne mitsingen! [Lied abspielen]

Das lila Lied

Was will man nur?
Ist das Kultur
dass jeder Mensch verpönt ist,
der klug und gut,
jedoch mit Blut
von eig’ner Art durchströmt ist,
dass g’rade die
Kategorie
vor dem Gesetz verbannt ist,
die im Gefühl
bei Lust und Spiel
und in der Art verwandt ist?

Und dennoch sind die Meisten stolz,
dass sie von ander’m Holz!

Wir sind nun einmal anders als die Andern,
die nur im Gleichschritt der Moral geliebt,
neugierig erst durch tausend Wunder wandern,
und für die’s doch nur das Banale gibt.
Wir aber wissen nicht, wie das Gefühl ist,
denn wir sind alle and’rer Welten Kind,
wir lieben nur die lila Nacht, die schwül ist,
weil wir ja anders als die Andern sind.

Wozu die Qual,
uns die Moral
der Andern aufzudrängen?
Wir, hört geschwind,
sind wie wir sind,
selbst wollte man uns hängen.
Wer aber denkt,
dass man uns hängt,
den müsste man beweinen,
doch bald, gebt acht,
wird über Nacht
auch uns’re Sonne scheinen.

Dann haben wir das gleiche Recht erstritten,
wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten!

Wir sind nun einmal anders als die Andern,
die nur im Gleichschritt der Moral geliebt,

Text von Kurt Schwabach, 1921
Musik von Arno Billing alias Mischa Spoliansky, 1920

Quellen:

1 Eine Ankündigung in der „Freundin“ am 24. Juli 1929: „Hierzu haben wir einen herrlichen, großen, 300 Personen fassenden Dampfer gemietet, der mit gepolsterten Ledersitzen ausgestattet ist und bei trübem Wetter durch Glasfenster geschlossen werden kann. Wir fahren direkt vom Spittelmarkt an der Untergrundbahn abends 9 Uhr ab, nehmen eine große Musikkapelle mit und können schon während der Hinfahrt auf dem Dampfer tanzen. Die Fahrt geht über den Müggelsee nach dem Strandschloß, wo wir einen großen, Tanzsaal bei einer sehr freundlichen Wirtin gemietet haben. Wir werden Abwechslung durch Kabarett, Tanzeinlagen und Tombola bieten, außerdem haben wir die Nachtkonzession für Tanz bis früh um 5 Uhr bekommen und fahren nach 5 Uhr wieder zurück, so daß wir gegen 7 Uhr früh wieder in Berlin landen.“ (Stephanie von Ow, Cornelia Carstens, Stefanie Höver (1999): Frauen an der Spree. Ein Spaziergang durch die Geschichte. Bebra. S. 29.)
2 Vgl. Stephanie von Ow, Cornelia Carstens, Stefanie Höver (1999): Frauen an der Spree. Ein Spaziergang durch die Geschichte. Bebra. S. 28.
Mehrer Clubs werden auch hier vorgestellt und beschrieben: Heike Schader geschrieben: Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. S. 26ff.
3 „Berlins lesbische Frauen“ wurde von Adele Meyer wieder aufgelegt: Meyer, Adele (1994). Lila Nächte. Die Damenklubs in Berlin der 20er Jahre. Zitronenpresse.
4 Ein tolles Buch über die Lesbenzeitschriften den 1920er Jahre wurde von Heike Schader geschrieben: Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. Die Zeitschriften werden ab S. 44 vorgestellt.
5 Vgl. Schoppmann, Claudia (1985). Der Skorpion. Frauenliebe in der Weimarer Republik. Frühlings Erwachen. S. 9
6 http://www.spinnboden.de; Anklamer Str. 38, 3. Aufgang, 2. Stock, Berlin, geöffnet Mittwoch und Freitag von 14h bis 19h
7 Vgl. Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. S. 26ff.
8 Vgl. Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. S. 76.
9 Vgl. Ebd.
10 Vgl. Dies. S. 77.
11 Aus der Freundin vom 7. August 1929: „Wie allen Leserinnen dieses Blattes bekannt ist, hatten wir vor einigen Monaten einen Korrespondenz-Zirkel gebildet, der einsamen Frauen im ganzen Deutschen Reiche und dem Auslande durch unsere Vermittlung Gelegenheit bieten soll, passenden Anschluß und brieflichen Gedankenaustausch unter Gleichgesinnten zu finden. Wir hatten auf unsere verschiedenen Aufrufe hin hunderte von Zuschriften aus allen Städten erhalten und konnten so mancher einsamen Seele den gewünschten Anschluß bieten. Da sich speziell aus Hamburg viele Frauen meldeten und den Wunsch äußerten, dort einen Damenklub zu gründen, so fuhr unser Vorstand am Dienstag, dem 16. Juli, nach dort und können wir mit großer Freude an dieser Stelle noch nachträglich berichten, daß es gelungen ist, in Hamburg mit Anwesenheit von 70 Damen eine Damengruppe ins Leben zu rufen. Alle Hamburger Damen unserer Kreise treffen sich jetzt jeden Dienstag im Vereinszimmer der ‚Deutschen Porterstuben‘, Rostocker Straße 3, abends ab 8 Uhr, bei Geselligkeit und Tanz unter der Leitung eines beliebten und neugewählten Vorstandes. Allen anderen auswärtigen Damen, welche Interesse an einem Zusammenschluß haben, empfehlen wir, sich vertrauensvoll mit uns schriftlich in Verbindung zu setzen, damit es uns möglich ist, in allen größeren Städten Damengruppen einzurichten. Wir stehen unseren Frauen gerne mit Rat und Tat zur Seite und erwarten weitere Zuschriften an unseren Violettaklub per Adresse Friedrich-Radszuweit-Verlag, Berlin S 14, Neue Jakobstraße 9. Mit Bundesgruß die Klubleitung Lotte Hahm.“ Zitat in: Meyer, Adele (1994). Lila Nächte. Die Damenklubs in Berlin der 20er Jahre. Zitronenpresse. S. 115f.
12 Vgl. Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. S. 77
13 Vgl. Vgl. Stephanie von Ow, Cornelia Carstens, Stefanie Höver (1999): Frauen an der Spree. Ein Spaziergang durch die Geschichte. Bebra. S. 30.
14 Vgl. Ebd.
15 Vgl. Meyer, Adele (1994). Lila Nächte. Die Damenklubs in Berlin der 20er Jahre. Zitronenpresse.

Kreuzberg revisited – QueerFeministischer Stadtspaziergang

Willkommen zum QueerFeministischen Stadtspaziergang am:

9. März 2012, 16 Uhr, Treffpunkt vorm Kunstraum Bethanien, Mariannenplatz 2

Im Rahmen der Berliner Aktivitäten-Woche zum internationalen Frauenkampftag 2012 laden wir Euch ein, Kreuzberg neu zu entdecken: Geplant ist ein historischer Spaziergang, bei dem wir einige Orte besuchen, die für queer/feministische/post/migrantische Kämpfe wichtig waren und sind. Dabei begegnen uns unterschiedliche Themen, wir streifen die 1. ebenso wie die 2. Frauenbewegung, sprechen über Lesbenkulturen der 1920er Jahre, Frauenkollektive und Strassenkämpfe, beschäftigen uns mit einem feministischen Arbeitsbegriff und sehen im Ballhaus Naunynstrasse Filmausschnitte aus „Girlstown“. Bei jedem Stop werden Geschichten zu Ereignissen und Hintergründen erzählt, einige Stationen sind heute unscheinbare Strassenkreuzungen, andere sind nach wie vor wichtige queer/feministische/post/migrantische Orte.

Der Spaziergang dauert ungefähr zwei Stunden und endet mit gemütlichem Zusammensein, heissen Getränken und Musik im Südblock am Kottbussertor.

Der Spaziergang wird von der QueerFem AG in Zusammenarbeit mit Frauentouren Berlin organisiert.

All Genders welcome

Weitere Diskussions- und Vernetzungsveranstaltungen rund um den 8. März

Donnerstag 8.3. Grosse Demo und Konzert (FLT* only), 16 Uhr, Glinkastr. 24 vorm Familienministerium bis Mariannenstr. Konzert ab 19 Uhr.