Lesben in den 1920ern. Beitrag von Lisa am queerfeministischen Stadtspaziergang

Im Folgenden habe ich ungefähr das verschriftlicht, was ich beim queerfeministischen Stadtspaziergang (Kreuzberg revisited) erzählt habe. Zusätzlich habe ich meine Quellen angegeben, sodass ihr selbst weiter recherchieren könnt. Viel Spaß dabei!
Lisa

Kreuzbergspaziergang: Lesben in den 20er Jahren

1. Einleitung
Nun stehen wir hier vor dem Ballhaus Naunynstraße, in dem sich heute ein Theater befindet. Es wurde im 19. Jahrhundert gebaut, als Ballhaus für Bürger_innen, was zum damaligen Zeitpunkt etwas ganz neues war.
Wir haben uns diese Station ausgesucht, um die Gelegenheit zu nutzen, das Theaterprojekt hier kennen zu lernen und, weil ich euch etwas über Lesben in den 1920er Jahren erzählen will.
Nach dem Tanzverbot während des 1. Weltkriegs, war Tanzen in den 20er Jahren von zentraler Bedeutung.
Ballhäuser waren in den 20er Jahren auch für Lesben wichtige Orte, um sich zu treffen, zu amüsieren, zu flirten. Aber es waren nicht die einzigen Orte. Aus heutiger Sicht ist es schier unglaublich, wie viele lesbische Clubs, Bars, Cafés und Veranstaltungen es in Berlin damals gab: Es gab Damenbälle, Damentanztees, Mondscheindampferfahrten (1), Kabaretts, Wandergruppen, Vorträge, Diskussionsabende usw.
Häufig wurden Lokale für Veranstaltungen angemietet, einige Treffpunkte waren auch eher privat, aber es gab auch ca. 30 feste, angemeldete Lesbenlokale in Berlin (2).
[s. Bild]
Woher wir das wissen: Es gibt ein Buch aus dieser Zeit: „Berlins lesbische Frauen“ (1928) von Ruth Roellig (3), das von Orten und Personen berichtet. [s. Bild]

Außerdem gab es in dieser Zeit in Berlin auch 6 Lesbenzeitschriften (4), die darüber berichten und solche Veranstaltungen ankündigen. Die Titel:
• Die Freundin
• Ledige Frauen
• Frauenliebe
• Frauen, Liebe und Leben
• Garçonne
• BIF (Blätter Idealer Frauenfreundschaft) [s. Titelbilder]

Die Zensur in der Weimarer Republik war vergleichsweise gering, aber es gab einen § 184, mit dem „unzüchtige“ Schriften bekämpft wurden. (5) Immer wieder wurden Zeitschriften verboten und änderten dann ihren Namen. Ab 1933 waren alle Lesbenzeitschriften als „entartet“ verboten und viele Ausgaben wurden vernichtet, daher ist es umso bedeutsamer, dass es im Spinnboden Lesbenarchiv von der Zeitschrift „liebende Frauen“ alle Exemplare gibt und eingesehen werden kann (6). Ich habe hier ein groß kopiertes Exemplar mitgebracht. [Zeitschrift zeigen]

Was also Thema dieser Station sein soll, ist das Erinnern an die Lesben der 1920er Jahre, die eine riesige Lesbenkultur hervorgebracht haben, die jedoch mit dem Nationalsozialismus fast komplett zerstört und verdrängt wurde. Als Lesbe möchte ich mich heute mit euch daran erinnern.

2. Wie kommt es eigentlich, dass hier in den 20ern so viele Lesben waren?

Es gibt mehrere Gründe, weshalb Lesben in den 1920er Jahren so sichtbar und präsent waren (7). Ein Grund kann in der sog. Landflucht gesehen werden: Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation sind sehr viele junge Frauen vom Land in die Großstädte gezogen, um hier Geld zu verdienen. Sie fanden sich in einer ungewöhnlich eigenständigen Situation wider. Häufig wohnten sie zusammen und orientierten sich an anderen jungen Frauen. Nicht alle wurden lesbisch, aber viele.
Ein weiterer Grund kann in der Bedeutung der Homosexuellenbewegung gesehen werden, die in den 1920er Jahren sehr stark wurde. Zwar befasst sie sich hauptsächlich mit männlicher Homosexualität, aber nicht nur. Bedeutsam war in diesem Zusammenhang der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der 1919 hier in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft gründete.
Insgesamt waren die 1920er Jahre eine Zeit, in der gesellschaftliche Strukturen teilweise ins Wanken kamen und sich Freiräume boten. Alles vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Not und Armut.

3. Berühmte lesbische Frauen in den 1920er Jahren
Einige Namen lesbischer und bisexueller Frauen der 20er Jahre sind euch vielleicht schon bekannt, so z.B.
• Claire Waldoff (Sängerin, Kabarettistin und Künstlerin, 1883-1957)
• Charlotte Wolff (Sexualwissenschaftlerin, erste Veröffentlichungen zu weiblicher Homosexualität, 1897-1986)
• Christa Winsloe (Autorin von „Mädchen in Uniform“, 1888-1944)
• Anna Elisabet Weirauch (Autorin von „der Skorpion“, dem ersten Lesbenroman in Deutschland, 1887-1970)
• Marlene Dietrich (1901-1992), Erika Mann (1905-1969), Anita Berber (berühmte Nackttänzerin, 1899-1928) usw.

4. Lotte Hahm
Ich möchte heute kurz von Lotte Hahm (1890-1967) erzählen, die ebenfalls eine wichtige Lesbe in Berlin war [s. Bilder]:
− Sie war die Leiterin der Damenclubs „Violetta“ und „Monbijou“, bei denen ca. 600 Frauen eingetragen waren. (8)
− Sie betrieb zusammen mit Kati Reinhardt die Lesbenbars „Monokel Diele“ und Manuela Bar“ (Nähe Spittelmarkt). (9)
− Lotte Hahm gründete zudem den Transvestiten-Club d’Eon, der offen für alle Geschlechter war und sich zwischen einmal pro Woche bei ihr offen traf. (10)
− Außerdem bot sie eine Art Vermittlungsdienst für Frauen außerhalb Berlins an. In einer Zeitschrift wird berichtet, dass sich nach so einer Aktion dann auch ein Club in Hamburg gründete, dem dann 100 Damen angehörten (11)
− Lotte Hahm wurde 1933 verhaftet, da der Vater ihrer Freundin sie wegen Verführung Minderjähriger angezeigt hatte. Nach zwei Jahren im Gefängnis war sie von 1935 bis 1938 im Konzentrationslager Moringen. (12)
− Nach 1945 öffnete sie wieder mit Kati Reinhardt erst in Ost-Berlin ein Lesben-Lokal und zog später um ins Max und Moritz in der Oranienstraße, das bis in die 60er Jahre ein Lesbenlokal blieb. (13)
− 1967 starb Lotte Hahm. (14)

5. Das Lila Lied
Zum Abschluss spiele ich euch nun das „Lila Lied“ vor, das als das Homosexuellen-Lied der damaligen Zeit gilt. Es war sowohl bei Frauen als auch bei Männern sehr beliebt. (15)
Wenn ihr wollt, könnt ihr gerne mitsingen! [Lied abspielen]

Das lila Lied

Was will man nur?
Ist das Kultur
dass jeder Mensch verpönt ist,
der klug und gut,
jedoch mit Blut
von eig’ner Art durchströmt ist,
dass g’rade die
Kategorie
vor dem Gesetz verbannt ist,
die im Gefühl
bei Lust und Spiel
und in der Art verwandt ist?

Und dennoch sind die Meisten stolz,
dass sie von ander’m Holz!

Wir sind nun einmal anders als die Andern,
die nur im Gleichschritt der Moral geliebt,
neugierig erst durch tausend Wunder wandern,
und für die’s doch nur das Banale gibt.
Wir aber wissen nicht, wie das Gefühl ist,
denn wir sind alle and’rer Welten Kind,
wir lieben nur die lila Nacht, die schwül ist,
weil wir ja anders als die Andern sind.

Wozu die Qual,
uns die Moral
der Andern aufzudrängen?
Wir, hört geschwind,
sind wie wir sind,
selbst wollte man uns hängen.
Wer aber denkt,
dass man uns hängt,
den müsste man beweinen,
doch bald, gebt acht,
wird über Nacht
auch uns’re Sonne scheinen.

Dann haben wir das gleiche Recht erstritten,
wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten!

Wir sind nun einmal anders als die Andern,
die nur im Gleichschritt der Moral geliebt,

Text von Kurt Schwabach, 1921
Musik von Arno Billing alias Mischa Spoliansky, 1920

Quellen:

1 Eine Ankündigung in der „Freundin“ am 24. Juli 1929: „Hierzu haben wir einen herrlichen, großen, 300 Personen fassenden Dampfer gemietet, der mit gepolsterten Ledersitzen ausgestattet ist und bei trübem Wetter durch Glasfenster geschlossen werden kann. Wir fahren direkt vom Spittelmarkt an der Untergrundbahn abends 9 Uhr ab, nehmen eine große Musikkapelle mit und können schon während der Hinfahrt auf dem Dampfer tanzen. Die Fahrt geht über den Müggelsee nach dem Strandschloß, wo wir einen großen, Tanzsaal bei einer sehr freundlichen Wirtin gemietet haben. Wir werden Abwechslung durch Kabarett, Tanzeinlagen und Tombola bieten, außerdem haben wir die Nachtkonzession für Tanz bis früh um 5 Uhr bekommen und fahren nach 5 Uhr wieder zurück, so daß wir gegen 7 Uhr früh wieder in Berlin landen.“ (Stephanie von Ow, Cornelia Carstens, Stefanie Höver (1999): Frauen an der Spree. Ein Spaziergang durch die Geschichte. Bebra. S. 29.)
2 Vgl. Stephanie von Ow, Cornelia Carstens, Stefanie Höver (1999): Frauen an der Spree. Ein Spaziergang durch die Geschichte. Bebra. S. 28.
Mehrer Clubs werden auch hier vorgestellt und beschrieben: Heike Schader geschrieben: Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. S. 26ff.
3 „Berlins lesbische Frauen“ wurde von Adele Meyer wieder aufgelegt: Meyer, Adele (1994). Lila Nächte. Die Damenklubs in Berlin der 20er Jahre. Zitronenpresse.
4 Ein tolles Buch über die Lesbenzeitschriften den 1920er Jahre wurde von Heike Schader geschrieben: Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. Die Zeitschriften werden ab S. 44 vorgestellt.
5 Vgl. Schoppmann, Claudia (1985). Der Skorpion. Frauenliebe in der Weimarer Republik. Frühlings Erwachen. S. 9
6 http://www.spinnboden.de; Anklamer Str. 38, 3. Aufgang, 2. Stock, Berlin, geöffnet Mittwoch und Freitag von 14h bis 19h
7 Vgl. Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. S. 26ff.
8 Vgl. Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. S. 76.
9 Vgl. Ebd.
10 Vgl. Dies. S. 77.
11 Aus der Freundin vom 7. August 1929: „Wie allen Leserinnen dieses Blattes bekannt ist, hatten wir vor einigen Monaten einen Korrespondenz-Zirkel gebildet, der einsamen Frauen im ganzen Deutschen Reiche und dem Auslande durch unsere Vermittlung Gelegenheit bieten soll, passenden Anschluß und brieflichen Gedankenaustausch unter Gleichgesinnten zu finden. Wir hatten auf unsere verschiedenen Aufrufe hin hunderte von Zuschriften aus allen Städten erhalten und konnten so mancher einsamen Seele den gewünschten Anschluß bieten. Da sich speziell aus Hamburg viele Frauen meldeten und den Wunsch äußerten, dort einen Damenklub zu gründen, so fuhr unser Vorstand am Dienstag, dem 16. Juli, nach dort und können wir mit großer Freude an dieser Stelle noch nachträglich berichten, daß es gelungen ist, in Hamburg mit Anwesenheit von 70 Damen eine Damengruppe ins Leben zu rufen. Alle Hamburger Damen unserer Kreise treffen sich jetzt jeden Dienstag im Vereinszimmer der ‚Deutschen Porterstuben‘, Rostocker Straße 3, abends ab 8 Uhr, bei Geselligkeit und Tanz unter der Leitung eines beliebten und neugewählten Vorstandes. Allen anderen auswärtigen Damen, welche Interesse an einem Zusammenschluß haben, empfehlen wir, sich vertrauensvoll mit uns schriftlich in Verbindung zu setzen, damit es uns möglich ist, in allen größeren Städten Damengruppen einzurichten. Wir stehen unseren Frauen gerne mit Rat und Tat zur Seite und erwarten weitere Zuschriften an unseren Violettaklub per Adresse Friedrich-Radszuweit-Verlag, Berlin S 14, Neue Jakobstraße 9. Mit Bundesgruß die Klubleitung Lotte Hahm.“ Zitat in: Meyer, Adele (1994). Lila Nächte. Die Damenklubs in Berlin der 20er Jahre. Zitronenpresse. S. 115f.
12 Vgl. Schader, Heike (2004). Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Ulrike Helmer Verlag. S. 77
13 Vgl. Vgl. Stephanie von Ow, Cornelia Carstens, Stefanie Höver (1999): Frauen an der Spree. Ein Spaziergang durch die Geschichte. Bebra. S. 30.
14 Vgl. Ebd.
15 Vgl. Meyer, Adele (1994). Lila Nächte. Die Damenklubs in Berlin der 20er Jahre. Zitronenpresse.

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3 Gedanken zu „Lesben in den 1920ern. Beitrag von Lisa am queerfeministischen Stadtspaziergang

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Offline-Feminismus, Dickenfeindlichkeit und männliche Dominanz bei Twitter – die Blogschau

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