Reclaim Anger

Wut ist visionär – Feministische Gefühle und Gedanken zur internationalen Frauenkampf-Woche 2012

Beitrag von Franziska im Rahmen des QueerFeministischen Stadtspaziergangs am 09. März 2012 in Berlin/Kreuzberg.

Zum 101. Frauentag die Frage: Wie können wir unsere unterschiedlichen feministischen Kämpfe weiterführen, ohne frustriert, ohne hoffnungslos und erschöpft zu werden angesichts der sich nur langsam verändernden Verhältnisse? Wie bringen wir immer und immer wieder aufs Neue die Energie auf, in die bestehenden Verhältnisse einzugreifen, sie unermüdlich zu kritisieren und dabei nicht zu verzweifeln?
Sicher gibt es kein feministisches Rezept. Aber vielleicht lohnt es sich zu fragen: was treibt uns an? Es gibt ja bekanntlich nicht DEN Feminismus. Wir alle können vielen verschiedenen Traditionen und Positionen etwas abgewinnen. Auch die Erfahrungen, die wir gemacht haben und machen sind verschieden.
Die Sklavin Sojourner Truth fragte schon 1852: „Bin ich denn keine Frau“? Sie verwies mit dieser Frage auf den Umstand, dass ihre Position als Schwarze Frau von der dominanten Weissen Frauenbewegung ausgeblendet wurde. Auch für Arbeiterinnen, Lesben oder Trans* Personen trafen viele Forderungen von bürgerlichen Frauen nicht zu. Oder wie Leong Pandora (2002) es exemplarisch formuliert: „Ein Feminismus, der einzig durch die Gender-Brille sieht, taugt nicht dazu, die unter uns zu befreien, die braune Haut haben oder die unter uns, die arm sind“.
Mit der Zeit wurde klar, dass wir uns nicht auf ein einheitliches feministisches Subjekt beziehen sollten, dass DIE FRAUEN keine einheitliche Kategorie darstellen.
Aber auf welche Weise können wir dennoch solidarische Verbindungen eingehen? Was teilen wir, wenn wir von einer feministischen Perspektive auf die Welt sprechen? Kann es dennoch eine Art gemeinsamen Nenner geben? Viele Feminist_innen haben darüber nachgedacht, queere und postkoloniale Herangehensweisen bspw. plädieren für offene, situative Bündnispolitiken.
Sarah Ahmed hat sich mit „feministischen Gefühlen“ auseinandergesetzt, in „The Cultural Politics of Emotion“ (2004) schreibt sie: Eine der treibenden Kräfte feministischer Kämpfe ist Wut. Wut über die Unterdrückung von Frauen bzw. von weiblich identifizierten Personen. Aber noch vor dem Gefühl der Wut stehen Erfahrungen des Schmerzes und der Verletzung. Ahmed rät, Schmerz nicht zu fetischisieren, nicht zum Fundament von Feminismus zu machen. Denn es bestehe die Gefahr, dass Verletzungen dadurch von ihrer komplexen Geschichte abgetrennt, individualisiert und „therapeutisiert“ würden. Verletzungen und Schmerzen dürfen zwar keinesfalls vergessen werden, sie sollten jedoch nicht als Identität, sondern als eine historische und strukturelle Markierung konzipiert werden. Es geht darum, Schmerz in einen öffentlichen Raum zu tragen – hinaus aus dem privaten, therapeutischen Raum- oder wie Ahmed es nennt: „Moving the pain into a public domain“.
Mehr noch als um Schmerz geht es Ahmed um die Wut: Wut ist das unbedingte Gefühl, dass der Schmerz und die Verletzungen falsch und ungerecht sind, und dass etwas dagegen unternommen werden muss. Auch andere Feminist_innen haben sich mit der Rolle der Wut auseinandergesetzt, zum Beispiel Audre Lorde, die Wut im Sinne von „gegen etwas sein“ definiert und ihren aktiven Charakter beschreibt: „Anger is loaded with information and energy„ (Lorde 1984). Aber gegen etwas sein heisst auch, für etwas zu sein. Für etwas, das noch auszuformulieren sein wird, etwas, das noch nicht da ist. Wut ist – so Lorde – visionär.
Verschiedene Feminist_innen haben die Dinge, gegen die sie sind, unterschiedlich benannt. Es geht nicht darum, ein gemeinsames Wutobjekt zu definieren, da das Objekt sich immer wieder anders darstellt. Feminismus ist nicht nur eine Kritik des Patriarchats, und stützt sich nicht auf Kategorien wie „Frauen“ oder „Geschlecht“. Es geht also um den Verlust eines klar konturierten Objekts, das bedeutet keineswegs ein Scheitern des Feminismus, sondern ist vielmehr ein Zeichen für seine Möglichkeit, sich zu BEWEGEN.
Aber was ist feministische Wut? Es darf nicht vergessen werden, dass wir als „Wütende“, dass Feminismus in Form von Wut auch stark diffamiert wurde und wird – Wut wird als das Gegenteil von rational, vernünftig angesehen. Wut wird als rein negative Kraft angesehen- die gegenwärtige gesellschaftliche Gefühls-Kultur ist besessen von Ideologien wie „positives Denken“, oder – wie Lauren Berlant es nennt: einem verzweifelten und grausamen Imperativ des Optimismus. Wut steht gemeinhin für eine negative Kraft, die „nur“ von persönlichen Verletzungen angetrieben wird, und die deshalb als irrational gilt.
Historisch gesehen ist also die Einordnung von Feminismus als eine Form von Wut durchaus problematisch, weil genau diese Einschätzung es immer wieder möglich gemacht hat, feministische Forderungen als irrational abzuweisen – selbst wenn die Wut eine absolut begründete und vernünftige Antwort auf Ungerechtigkeit war/ist.
Ich denke deshalb: Wir sollten uns NICHT auf Diskussionen einlassen, bei denen wir verteidigen, dass Feminismus vernünftig sei. Vielmehr sollten wir argumentieren, dass Wut vernünftig ist! Anders gesagt: Wir sollten die Unterscheidung von Vernunft und Wut, von politischer Räson und Emotionalität boykottieren. Es ist genau diese Unterscheidung, die ein System aufrecht erhält, in dem „Frauen“ als emotional abgewertet werden, und Vernunft als männliche Eigenschaft den unhinterfragten Platz einer universellen und allgemeinen Perspektive einnimmt, während alles andere als „Spezialfall“, als Partikularfall, als „die Genderbrille“, die „Feminismus- oder Rassismusbrille“ abgewertet werden kann. Feminismus ist kein Spezialthema, kein Frauenthema….Ein Kampfruf könnte also sein: Reclaim Anger! Oder auch „get angry!“ Wut ist kein emotionales Gedöns von diskriminierten Sondergruppen, sondern sie ist vernünftig und betrifft das System! Wut steht nicht im Gegensatz zu Vernunft, nicht im Gegensatz zum Allgemeinen, sie repräsentiert keine Partikularinteressen, sondern ist gerade Ausdruck eines ungerechten Allgemeinen!
Wie können wir erreichen, dass unsere Wut verstanden und gehört wird? Es ist unverzichtbar, öffentliche Statements zu machen, sich Gehör und Sichtbarkeit zu verschaffen, Texte zu schreiben, zu handeln. Wir müssen weiter machen, selbst wenn vieles nicht aufgenommen wird, nicht anzukommen scheint!
Dabei muss immer auch klar sein, dass wir alle jeweils auch Positionen haben, in der wir diejenigen sind, die Wut von anderen blockieren, nicht hören. Es geht also auch darum, die Wut von anderen zu hören, ihre Wut nicht zu blockieren, indem die eigene Position verteidigt wird! Es ist mit Sicherheit eine der verletzendsten rassistischen oder sexistischen Strategien, wenn die Reaktion auf Wut eine Verteidigung der eigenen Position ist. Eine solche Abwehr von Wut heisst nämlich sich zu weigern, die eigene Position als eine für andere verletzende, kritisierbare oder ärgerliche zu begreifen. Aber wir MÜSSEN akzeptieren, dass die eigene Position andere wütend machen kann, und das bedeutet, dass wir die eigene Position als eine begreifen müssen, die von anderen kritisiert werden kann.
Wir sollten versuchen, keine feministischen Ideale zu installieren, die alle verkörpern müssen, um am Feminismus teilhaben zu dürfen. Um eine solche Politik zu vermeiden müssen wir innerhalb des Feminismus ein andauerndes Unbehagen spüren oder wie Ahmed schreibt: „We need to stay uncomfortable within feminism“.
Und zuletzt: Natürlich hat Feminismus nicht nur mit Wut oder Verletzung zu tun. Ahmed schreibt: „Mein eigenes emotionales Verhältnis zum Feminismus beinhaltet auch Freude“. Es geht um Aufmerksamkeit für die Welt, eine Aufmerksamkeit für Details. Ahmed spricht von „Wonder“, also von dem Gefühl der Neugierde und der Verwunderung. Was sie mit Feminismus als Verwunderung meint ist die Möglichkeit zu erkennen, dass die Welt GEMACHT ist. Die Gemachtheit oder Gewordenheit der Welt ist vermutlich eine der radikalsten und entscheidenden Erkenntnisse die es braucht, um zu der Vorstellung zu gelangen, dass die Welt auch ANDERS sein könnte!

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Ein Gedanke zu “Reclaim Anger

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